30. April 2026
Hochkultur, Unkultur und Gedenkkultur in Thüringen
Unter diesem vielschichtigen Leitgedanken verbrachten die beiden Deutsch-Leistungskurse eine intensive und unvergessliche Zeit in Thüringen. Die Kontraste zwischen den glanzvollen Epochen deutscher Geschichte, visionären Aufbrüchen und den tiefsten Abgründen der Menschheit prägten das Programm unserer diesjährigen Kursfahrt.
Hochkultur: Auf den Spuren der Klassik
Unsere Reise startete mit einem historischen Meilenstein weit vor der Weimarer Klassik. In der geschichtsträchtigen Wartburg in Eisenach besichtigten wir die berühmte Lutherstube und spürten den Geist des Mittelalters und auch die Instrumentalisierung des Mittelalters im 19. Jahrhundert.
In Weimar angekommen tauchten wir zunächst tief in das goldene Zeitalter der Literatur und des Geistes ein. Wir besuchten Goethes Wohnhaus, schritten durch die Lebens- und Arbeitsräume des Dichters und bestaunten seine umfangreichen Sammlungen der verschiedensten Kunstgegenstände. Im Anschluss ging es in das Goethe-Nationalmuseum, das den Besuchern das Leben und die Leidenschaften des Dichterfürsten näherbringt.
Ein weiterer Höhepunkt war die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek. Ein visuelles Highlight war der prachtvolle, barock-frühklassische Rokokosaal, der mit seinen bücherbepackten Wänden beeindruckt.
Unkultur und Gedenkkultur: Die Abgründe der Geschichte
Die schärfste Zäsur unserer Reise bildete die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur und der bewussten Zerstörung jeglicher Zivilisation. Anders als die letzten Jahre fuhren wir nicht in das nahegelegene Konzentrationslager Buchenwald, sondern in das Konzentrationslager Mittelbau-Dora am Rande des Harz'. Dieses KZ wurde erst während des Krieges gebaut, um hier in unterirdischen Stollen die Kriegsproduktion zu sichern, insbesondere den Bau der Raketen „V1“ und „V2“.
Der Besuch dieses ehemaligen Konzentrationslagers konfrontierte uns radikal mit dem Begriff der „Unkultur“. Bei einer Führung durch die unterirdischen Stollenanlagen, in denen Häftlinge unter mörderischen Bedingungen Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie leisten mussten, herrschte betroffenes Schweigen, dies um so mehr, da man hier noch alte Bauteile der hier gefertigten V1-und V2-Raketen sieht, als ob die Zeit 80 Jahre lang stehen geblieben wäre. Besonders die Beschäftigung mit Einzelschicksalen verdeutlichte, dass hinter jeder abstrakten Zahl ein individuelle Menschenleben steht. Dieser Ort des Schreckens verdeutlichte uns die unbedingte Notwendigkeit einer aktiven, wachsame Gedenkkultur.
Aufbruch in die Moderne
Den Bogen zwischen Tradition und neuen Gesellschaftsentwürfen schlug der letzte Programmpunkt, das Bauhaus Museum. Hier erlebten wir den radikalen, minimalistischen Aufbruch der Moderne nach dem Ersten Weltkrieg. Die ausgestellten Design-Klassiker und Architekturkonzepte zeigten uns, wie Kunst und Alltag das Leben der Menschen damals revolutionieren wollten.
Hochkultur, Unkultur, Gedenkkultur: Die Fahrt nach Weimar hat uns gezeigt, wie nah Licht und Schatten in der deutschen Geschichte beieinanderliegen.
Peter Lindhorst